Wirkung oder Bedeutung? Warum ich gerade einen Yoga-Podcast höre
By: Florian Ferger
Als wir 2018 unser erstes Studio eröffnet haben, sah die deutsche Yogalandschaft anders aus als heute. Wer damals wissen wollte, was ein bestimmtes āsana bewirkt, landete fast zwangsläufig bei Yoga Vidya. Dort stand es dann: der Sanskritname, darunter eine Liste von Wirkungen — von der Aktivierung bestimmter Energiekanäle bis zu sehr konkreten gesundheitlichen Versprechen. Woher dieses Wissen kam, wurde nicht diskutiert. Es stand einfach da, und wenn man nachfragte, wurde auf eine Autorität verwiesen.
Ein Podcast - mit Alexander Kröker und Charlotte PoppKulturelle und wissenschaftliche Perspektiven auf Modern Postural Yoga.
Ein Podcast für alle, die Yoga nicht nur praktizieren, sondern auch verstehen möchten.
Das ist für mich auch persönlich von Bedeutung. Denn genau diese Art Yoga zu vermitteln, hat jahrelang davon abgehalten, überhaupt anzufangen. Ich habe das damals sehr kritisch gesehen. Und ich vermute, ich war damit nicht allein.
Was an die Stelle getreten ist
Diese Perspektive ist heute weitgehend verschwunden — sie wirkt fast schon historisch. An ihre Stelle ist etwas anderes getreten, und seit einigen Jahren beobachte ich das mit wachsendem Unbehagen.
Yoga wird jetzt funktional gedacht. Es geht um Effekte, um Faszien, um messbare Beweglichkeitszuwächse, inzwischen vor allem um Longevity, Herzratenvariabilität, Nahrungsergänzung und darum, was die Smartwatch nach der Praxis anzeigt. Das ist nicht falsch, und ich bin der Letzte, der sich gegen sportwissenschaftliche Redlichkeit ausspricht. Ich unterrichte selbst gerne evidenzinformiert und finde es gut, wenn Yoga sich der Frage stellt, was körperlich eigentlich passiert.
Aber diese Perspektive hat eine Grenze, und sie bemerkt sie selbst nicht: Sie fragt nie, warum wir ausgerechnet jetzt so besessen davon sind, uns zu optimieren. Sie greift den Zeitgeist auf, ohne ihn als Zeitgeist zu erkennen.
Zwei Verkürzungen, ein gemeinsamer Nenner
Auf den ersten Blick könnten die beiden Sichtweisen kaum weiter auseinanderliegen. Die eine beruft sich auf Tradition, die andere auf Studien. Die eine wirkt spirituell, die andere nüchtern.
Bei genauerem Hinsehen gibt es aber eine frappierende Ähnlichkeit. Beide fragen danach, was Yoga bewirkt. Die eine beantwortet es mit Autorität, die andere mit Daten — aber es ist dieselbe Frage. Und beide beenden damit ein Gespräch, statt es zu eröffnen. Die eine, weil alles schon entschieden ist. Die andere, weil es nichts zu entscheiden gibt.
Natürlich ist das nie so eindeutig, wie ich es hier zuspitze. Aber die Tendenz ist da. Und was in beiden Fällen fehlt, ist die Einordnung in gesellschaftliche Zusammenhänge: der Kontext.
Die andere Frage
Deshalb höre ich gerade mit großem Vergnügen einen Podcast, der genau diese Ebene wieder aufmacht: "Yoga im Kontext" von Alex Kröker.
Die ersten beiden Folgen heißen "Die Entzauberung des Yoga" und "Seit wann ist Yoga Sport?". Man muss sie noch gar nicht gehört haben, um zu merken, dass hier anders gefragt wird. "Seit wann ist Yoga Sport?" ist keine sportwissenschaftliche Frage, sondern eine historische. Sie setzt voraus, dass Yoga nicht immer Sport war und dass es einen Zeitpunkt gab, an dem es dazu wurde. Und "Die Entzauberung des Yoga" fragt, was mit einer Praxis passiert, die in eine Gesellschaft gerät, in der am Ende alles erklärbar sein soll. Der Zauber verschwindet dabei nicht, weil jemand ihn zerstört — sondern weil sich verändert hat, was wir überhaupt für glaubwürdig halten.
Das sind Fragen, die man nur stellen kann, wenn man Yoga nicht für ein zeitloses Ding hält. Alex fragt nicht, was Yoga bewirkt. Er fragt, was Yoga bedeutet — hier, jetzt, in dieser Gesellschaft, für diese Menschen. Und Bedeutung gibt es nie ohne Kontext. Deshalb heißt der Podcast, wie er heißt.
Das klingt akademischer, als es ist. Denn sobald man nach Bedeutung fragt, wird Yoga wieder etwas, worüber man reden kann. Worüber man sogar streiten darf. Die klassischen Texte sind ja genau das: Einladungen zur Reflexion, nicht Anweisungen zum Nachsprechen. Eine Praxis, die etwas mit dem Leben zu tun haben soll, muss diskutierbar sein — sonst ist sie entweder Fitness oder Religion.
Warum ausgerechnet Alex
Alex ist Kulturwissenschaftler. Das erklärt die Perspektive. Er ist aber auch Sportwissenschaftler, und das erklärt, warum die Perspektive trägt.
Das ist nämlich der Punkt, an dem viele kulturkritische Yogastimmen scheitern: Man kann ihnen vorwerfen, dass sie von der körperlichen Ebene wenig verstehen und deshalb über sie hinwegreden. Bei Alex funktioniert dieser Einwand nicht. Er kann die funktionale Ebene bedienen — und sie gleichzeitig einordnen. Diese Kombination ist selten geworden.
Warum ich das hier erzähle
Wir unterrichten in den Independent Studios verschiedene Stile und sind damit kein reines Elementyoga-Studio. Und gleichzeitig ist diese Haltung die Alex aufmacht eine Haltung, die sich in allem was wir tun wiederfindet.
Wir glauben nicht, dass Yoga vor allem ein Werkzeug zur Selbstoptimierung ist. Und wir glauben auch nicht, dass irgendwo festgeschrieben steht, was Yoga ist und was nicht. Wir glauben, dass Yoga eine Praxis ist, über die man nachdenken kann und sollte — und dass genau diese Reflektion zur Praxis dazugehört.
Wenn dir das einleuchtet: Hör dir die ersten beiden Folgen an. Du merkst schnell, ob dir diese Art zu fragen liegt.
Und wenn du tiefer einsteigen willst — Alex ist dieses Jahr mehrfach bei uns zu Gast. Die Workshops sind bewusst theoretischer angelegt als üblich. Es geht dort um genau die Fragen, die im Podcast aufgemacht werden, nur mit mehr Zeit und im direkten Gespräch.
Florian Ferger