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Warum wir unabhängig sind

By: Florian Ferger

Im Frühjahr 2020 bekam ich eine E-Mail von Urban Sports Club. Sie schrieben, dass viele ihrer Kund:innen trotz Lockdown weiter bezahlen würden. Als unser Partner würden sie uns daher in dieser schwierigen Zeit unterstützen. Kurz darauf kam die Überweisung: dreiundfünfzig Euro. Ich habe lange auf diese Zahl gestarrt.

Dazu muss ich kurz zurück. Im Mai 2018 habe ich in der Schulze-Delitzsch-Straße meinen zukünftigen Yogaraum aufgeschlossen. Kaputte Decken, und Wände, fleckige Gipskarton und 70er-Jahre Möbiliar. Ich habe die Wände mit Lehm verputzt, Holzboden gelegt und den Dachboden gedämmt. Es gab keinen Businessplan und kein Marketingkonzept, nur eine Idee: Yoga so zu unterrichten, wie ich es für richtig hielt. Für die Nachbarschaft, auch für Leute, die noch nie auf einer Matte gestanden hatten. Die ersten Klassen waren klein. Nach den Stunden saßen wir oft noch zusammen und tranken Chai. Ich kannte alle beim Namen, alle kannten mich.

Wir feiern unsere Unabhängigkeit

Neuer Name, neue Webseite, neues Logo, neues Buchungssystem. Und eine wunderbare Outdoor-Saison liegt hinter uns. Grund genug zu feiern! Kommt vorbei - zum Yoga und zum Pizzaessen. Oder auch nur zum Pizzaessen. Für unsere Members kostenlos - weil ihr uns als Independent Studios möglich macht.

Zwei Jahre später sind wir bei Urban Sports Club eingestiegen. Das Versprechen klang fair: Wir füllen nur eure Restplätze. Ein Studio lebt von seinen eigenen Mitgliedern, und für die paar Plätze, die sonst leer geblieben wären, schickt eine freundliche Plattform ein paar Probierer:innen vorbei. Das haben wir geglaubt.

Dann kam der März 2020. Lockdown von einem Tag auf den anderen, Studios zu, Unterricht unmöglich. Innerhalb von zwei Wochen haben wir ein Online-Angebot aufgebaut, mit Live-Streaming und einer Videothek - ohne zu wissen, ob das irgendjemand annimmt. Aber es wurde angenommen. Die unzähligen Dankesmails von damals - dass wir eine so wichtige Stütze in der Lockdown-Zeit waren - schaue ich mir auch heute noch hin und wieder an. Es war ein Geben und Nehmen. Wir waren online für unsere Schüler:innen da, und die Mitgliedsbeiträge flossen weiter. Menschen, die ich beim Namen kannte, haben uns durch diese Zeit getragen.

Und die Firma, die sich öffentlich unser Partner nannte, schickte dreiundfünfzig Euro.

In denselben Monaten haben wir gesehen, wie es anderen erging. So einige Studios, die fast nur noch über die Plattform liefen, haben die Pandemie nicht überstanden. Ihre Schüler:innen hatten nie eine Beziehung zum Studio aufgebaut. Als es schloss, fehlte ihnen nichts. Sie warteten bis die Pandemie vorbei war und buchten dann halt woanders.

An Ostern 2020 rief eine Schülerin an. Sie pflegte einen Gemeinschaftsgarten in der Neustädter Straße, der bald aufgegeben werden sollte. Ob ich dort Yoga im Freien anbieten wolle? Ich habe nicht gleich zugesagt, eine improvisierte Wiese wollte ich nicht. Aber die Idee ließ mich nicht los: ein echtes Outdoor-Studio, mit Plattform, Dach und Seitenwänden, geschützt vor Regen und Blicken. Wir haben gebaut. Unsere Lehrer:innen packten mit an, Schüler:innen kamen dazu und halfen. Als wir im Juni 2020 öffneten, kamen die Leute in Strömen. Wir übten mit über einem Meter Sicherheitsabstand. Und nach Monaten der Isolation sah sich Leipzig hier wieder, lachte, atmete gemeinsam. Wenn es regnete, prasselte der Regen aufs Dach, und wir übten weiter.

Spätestens da hatte ich es verstanden: Ein Studio, das seine Schüler:innen kennt, übersteht so etwas. Ein Studio, das nur ein Eintrag auf einer Plattform ist, fällt mit der Plattform.

Wir wussten es. Und sind trotzdem drin geblieben, jahrelang. Wellpass kam dazu, ClassPass auch. Die Beträge, die bei uns ankamen, hielten nicht einmal mit der Inflation Schritt: Auf dem Papier wurde es etwas mehr, real wurde es weniger. Stunden wurden überall kürzer, der Durchlauf höher, so sei das eben im Markt. Wir machten mit. Und dabei unterrichteten wir hier jede Woche, dass genau das den Unterschied macht: nicht reflexhaft auf jeden äußeren Reiz zu reagieren, sondern aus der eigenen, stabilen Mitte heraus zu handeln. Wir unterrichteten es. Aber wir lebten es nicht.

2025 haben wir angefangen, das zu ändern. Erst haben wir Urban Sports gekündigt, dann ClassPass und Wellpass. Seit dem Beginn der Outdoor-Saison 2026 sind wir komplett frei von Aggregatoren. Danach war es erst einmal still. Keine fremden Gesichter mehr, die einmal kamen und nie wieder. Ich habe oft auf die Kursliste geschaut und das alte Gefühl gespürt: Ist das noch voll genug? Hält das?

Es hielt. Genau wie 2020. Die Schüler:innen waren da, weil sie da sein wollten. Manche seit der allerersten Stunde 2018, viele sind über die Jahre einfach geblieben, durch Umzüge, Schwangerschaften, neue Jobs hindurch. Und wir konnten endlich tun, was wir immer tun wollten: Die neunzig Minuten langen Stunden sind zurück, mit der Ruhe und Tiefe, für die vorher keine Zeit blieb. Im Studio arbeitet eine festangestellte Studiomanagerin, die dich beim Namen kennt. Unsere Lehrer:innen bleiben über Jahre, weil das Studio für sie ein Ort ist, kein Auftrag.

Jetzt geben wir dem einen Namen. Seit dem 24. August heißen wir Independent Yoga. Mit neuem Logo, eigenem Buchungssystem und neuer Webseite. Du buchst direkt bei uns, und alles, was du zahlst, kommt bei den Menschen an, die dich unterrichten.

Das Eigentliche ist aber kein Name und kein System. Das Eigentliche ist das, was 2018 angefangen hat und sich 2020 gezeigt hat: Ein Yogastudio ist ein vertrauter Ort mit echten Menschen, die sich kennen und füreinander da sind. Wenn du so einen Ort suchst, komm vorbei. Wir üben weiter.

Florian Ferger